How to look like a hip and urban person in five minutes

1. Nimm eine Kamera, die komische Bilder macht. Handy, Einmalwegwerfkamera oder Polaroid. Die Farben müssen unwirklich aussehen. Wenn das nicht geht, stelle Deine Stino-Kamera auf Schwarz-Weiß um.

2. Wenn Du jemanden hast, der Dich fotografieren kann, versorge ihn mit genauen Anweisungen. Wenn Du Dich selbst fotografieren willst, brauchst Du ein Stativ oder einen langen Arm.

3. Mach ein paar Probeschüsse und finde heraus, welcher Teil Deines Gesichtes am geheimnisvollsten aussieht. Augen? Mund? Nase? Merke: Ohren sind zwar ein oft unterschätztes Körperteil. Aber nur wenige sind mit schönen Ohren gesegnet. Sie herauszustellen macht nur Sinn, wenn sie von außergewöhnlichem Schmuck oder einem Tattoo aufgewertet werden. Haarsträhnen, die das Ohr locker umschmeicheln, gehen auch.

4. Wenn Du eine Frau bist: bloß nicht beim Kajal sparen, Augenbrauen präzise zupfen, Lippenstift nur in Ausnahmefällen. Wenn Du ein Mann bist: Dreitagebart!

5. Trage einen dicken Schal oder eine Sonnenbrille. Verwuschel Deine Haare so, dass die Hälfte davon im Gesicht rumhängt.

6. Schaue irgendwie traurig oder sehnsuchtsvoll. Wenn das doof aussieht, versuche es mal mit einem herausfordernden Blick. Gut macht sich ein Blick durch eine Fesnterscheibe - draußen muss es aber regnen oder zumindest muss der Fernsehturm zu sehen sein!

7. Kuck in irgendeine Ecke. Entweder von oben links nach unten rechts oder umgekehrt. Schau nicht direkt in die Kamera, es sei denn, Du übst den herausfordernden Blick - dann bitte die Wangen einziehen, so dass Du ein bisschen unterernährt aussiehst.

8. Eine Hand im Gesicht macht sich immer gut, unterstreicht Deine Nachdenklichkeit und zeigt, dass Du ein geheimnisvoller Mensch mit Tiefgang bist.

9. Kopfhörer, Zigaretten, Katzen: Accessoires sind erlaubt!

10. Abdrücken, bearbeiten und bei Facebook, Twitter etc. uploaden. Mindestens einmal pro Woche!


Böse Menschen auf der Straße

Menschen, die dich auf der Straße anquatschen sind böse! Sie sind die Ursuppe der Boshaftigkeit, direkt dem Hause Satans entsprungen.

Nein, ich rede nicht von armen, ahnungslosen Touristen, die einen nach dem Weg fragen. Auch nicht Obdachlose, die mir 'ne Zeitung verkaufen wollen. Ich rede von Leuten, die mit selbstgebastelten Wandzeitungen, die sie zu einem Stand zusammengezimmert haben in Fußgängerzonen oder auf Fußwegen stehen und gezielt Leute anquatschen, die aussehen, als würden sie sich bequatschen lassen. Ihr einziges Ziel ist es, diesen Menschen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Zum Beispiel der Büso-Typ vor der Post in Pankow. Wenn Du das hier liest, Büso-Typ, das geht an Dich. Du bist ne janz fiese Möpp! Würde noch ganz andere Bezeichnungen für Dich finden, aber ich bin mir nicht sicher, wie das mit öffentlichen Beleidigungen so ist.

Der Büso-Typ vor der Pankower Post hat seinen Standort strategisch gewählt. Hier laufen Horden von Menschen vorbei, die vom Winter und vom System sowieso die Schnauze voll haben. Sie sind entweder die letzten zehn Jahre arbeitslos gewesen oder urlaubsreif. Die allermeisten aber sind Rentner. Blasse Rentner in dicken beigefarben Jacken und mit Plastiktüten voller Ein-Euro-Schnäppchen. Die sind seine Zielgruppe. Die fragt er, ob sie eigentlich schon wüssten, dass heutztage alles so schlimm sei.

Er redet von der sozialen Ungleichheit unserer Gesellschaft, von der nächsten Finanzblase, die bald platzt, von der Inflation, von Hunger und Not, die uns allen drohen, von dummen Menschen im Bundestag, von der Jugend, die sich nicht mehr engagiert und unpolitisch ist, ja die in den Universitäten verdummt wird, von der Ästhetik des Humanismus und von Obama, der sowieso schlimmer ist als Hitler und Stalin zusammen.

Mit seiner Masche wickelt er fast jeden Rentner vor der Pankower Post ein. Er redet einfach so lange auf sie ein, bis sie sich nicht mehr wehren können. Dann sagt er ihnen, sie sollen Zeitungen und Bücher kaufen und natürlich spenden. Für die Büso. Weil das die einzigen sind, die nicht von der Lobby gesponsert werden und die ihre Interessen - nämlich die der Pankower Bürger - vertreten. Und die Rentner kaufen und spenden. Weil sie nämlich nicht anders können. Weil sie ihm nämlich recht geben müssen, dem gebildeten jungen Mann dort vor der Post. Der einzige seiner Generation, der sich noch für die Zukunft einsetzt.

Und das ist böse! Ich habe es erlebt. Er hat mich angequatscht. Ich wollte weitergehen, doch ich war nicht allein unterwegs. Meine Oma war bei mir. Und sie hat eine Schwäche für selbsternannte Sozialkritiker und Weltenretter. So wie vermutlich viele in ihrer Generation. Ich wollte sie weiterziehen, aber sie blieb stehen. Und damit waren wir gefangen in diesem widerlichen Kokon aus Parolen und Gedöns. Und ich rollte nur mit den Augen, aber je mehr er merkte, dass bei mir nichts zu holen war, desto mehr konzentrierte er sich auf meine Oma. Bis sie ihr Portemonnaie zückte. Und ich sagte ihr, steck es wieder ein. Aber sie wollte diese Zeitung da kaufen. Und weil sie kein Kleingeld hatte, kaufte ich die Zeitung.

Und hinterher hätte ich mich ohrfeigen können dafür. Weil mir bewusst wurde, was für eine eklige Masche das ist. Diese Leute sind ja dafür ausgebildet, einen so lange zuzutexten, bis man sich quasi nur noch freikaufen kann. Für jedes Argument hat er ein Gegenargument. Das ist trainiert. Und er will weder die Welt retten, noch sonst irgendwas. Er will alte Leute abzocken.

In Leipzig standen alle Nase lang solche Typen in der Fußgängerzone rum. Da habe ich gelernt, schnell vorbei zu gehen und mich von niemandem, aber wirklich NIEMANDEM anquatschen zu lassen. Außer von Touristen. Und von Obdachlosen, die mir 'ne Zeitung verkaufen wollen (obwohl, meistens sagen die ja gar nichts). Aber niemals von so Leuten, die so tun als seien sie irgendwie wohltätig. Die lügen nämlich. Immer! Und deshalb:

Fragt mich nicht, ob ich über den Tierschutz reden will. Fragt mich nicht, ob ich eigentlich schon wüsste, dass ich vom Staat überwacht werde. Fragt mich nicht, ob mir bewusst sei, dass diese Bundesregierung meine Zukunft verzockt. Fragt mich einfach NICHTS. Quatscht mich nicht an. Nie! Zu keinem Zeitpunkt!

Wenn ich mit euch reden will, dann ruf ich euch an! Nummer kann ich ja googeln.


Bitte wenden! (Part Two)

Die sehr junge Autorin Andrea Hünniger hat in einer der letzten Ausgaben der FAS über ihre Erinnerungen an die Wende geschrieben und das hat mich sehr daran erinnert, wie ich es auch erlebt habe. Besonders dieser Satz ähnelt meinem Empfinden:

Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Zeit nach dem Fall der Mauer eine prägende Erfahrung der Trauer und des Schweigens war.

Die Autorin war damals fünf Jahre alt, schreibt sie. Also noch drei Jahre jünger als ich. Ich halte es für wenig glaubwürdig, dass sie sich wirklich noch an so viele Einzelheiten erinnern kann, aber das Grundgefühl, das wird sie verinnerlicht haben. Sie ist offenbar eine scharfe Beobachterin unserer Zeit und sie hat die Schlussfolgerungen, die sie im Laufe ihres Lebens gewonnen hat vielleicht einfach ein paar Jahre zurück datiert. Aber darum geht es gar nicht.

Es geht darum, dass sie meine bislang eher dumpfe Vermutung bestätigt, dass über die DDR und die Wendezeit eben noch nicht alles gesagt worden ist. Das vergangene Jahr hat uns zwar mit einer mediale Lawine aus Vergangenheitskitsch und einem Kessel bunter DDR-Geschichte überrollt. Aber es hat es auch wieder mal nicht geschafft, all die uneindeutigen Grautöne, all die schwierigen Befindlichkeiten und Schicksale, all das Unordentliche, was dieser Mauerfall in diesem Land hinterlassen hat, zu beschreiben. Dafür sind Medien mit ihrer Eigenschaft der Reduktion von Komplexität vielleicht auch etwas überfordert. Eine journalistische Geschichte sieht nunmal so aus: ein größerer, geschichtlicher Zusammenhang wird am Schicksal einzelner Protagonisten erzählt, die exemplarisch fürs Ganze stehen. Ihre Gefühle spiegeln die Gefühlslage des ganzen Landes.

Welche Gefühle aber zeigt man, wenn man über die Wende spricht und das, was danach kam? Der Zusammenbruch eines Systems, an das einige geglaubt haben und mit dem der überwiegende Teil sich arrangiert hatte. Die plötzliche Umdeutung der Geschichte. Der Eindruck, dass man selbst und seine Erfahrungen plötzlich nicht mehr interessant sind. Die Rechthaberei, die westdeutsche Deutungshoheit, das Gefühl, irgendetwas läuft hier falsch, aber nicht genau benennen zu können, was das eigentlich ist. Die Arbeitslosigkeit, die Abwanderung, der Verlust von Hoffnungen. Wie bringt man das in einen Zwei-Minuten-Fernsehbeitrag?

Und wenn man es irgendwie unterbringen und beschreiben könnte, dann stünden sofort wieder diejenigen auf dem Plan, die das als unzulässig verdammen. Die mit eifrig erhobenen Zeigefingern an die Opfer und Untaten dieses Staates erinnern und jede Diskussion darüber, ob man aus der Geschichte etwas lernen kann, im Keim ersticken. Auch Andrea Hünnigers Schilderungen provozierten erregte Leserbriefreaktionen, die ihr Verharmlosung vorwarfen. Dabei erzählte sie lediglich die Geschichte von ihren Empfindungen und der neuen, schweigenden Mauer, die heute sie und ihre Eltern, insbesondere den Vater, voneinander trennt. Verharmlost hat sie nichts. Nur versucht, zu verstehen.

Es ist da etwas kaputt gegangen mit dem Abriss der Mauer. Es ist etwas in der Generation unserer Eltern verloren gegangen und wir können es ignorieren und es als für immer unter Verlust verbuchen. Ich glaube aber, dass uns das nicht guttun wird. Denn offene Fragen verfolgen einen nicht nur bis zur nächsten Familienfeier. Sie verfolgen einen das ganze Leben.