Zu simpel – Ausländerfeindlichkeit auf dem Land

Erschreckende aber nicht neue Erkenntnis: Viele Jugendliche in Deutschland hegen Hass gegen Fremde. So soll nach einer neuen Studie, die Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am Dienstag vorgestellt hat, jeder siebte Jugendliche „sehr ausländerfeindlich“ sein: besonders Jungen, besonders auf dem Land, besonders im Osten und besonders die Hauptschüler. Egal, wie man zu Studien und Statistiken steht, man kann davon ausgehen, dass diese Ergebnisse relativ realitätsnah sind. Denn sie sind eigentlich schon fast zu simpel.

Es sind also die Abgehängten, die Frustrierten, diejenigen ohne Zukunft – nicht ausschließlich aber größtenteils. Je unverständlicher der Zusammenhang zwischen ihrer persönlichen Misere und dem einfachen Dasein von Menschen anderer Herkunft in unserem Land ist, desto beliebter scheint er ihnen als Erklärung zu dienen. Denn in den Gegenden, in denen Fremdenfeindlichkeit besonders verbreitet ist, gibt es meist gar keine oder nur kaum Ausländer.

Diese Jugendlichen – und nicht nur sie, denn sie denken ja genauso wie ihre Eltern und Großeltern – projizieren ihre Unzufriedenheit und ihren Hass also auf eine gesichtslose, ihnen meist völlig unbekannte Masse: Die Ausländer. Es kann genauso gut die Juden, die Kapitalisten oder die Globalisierung treffen. Gemein ist allen Feindbildern, dass man sie nur als Feindbild betrachten kann, wenn man sie nicht so genau kennt.

Dieser Hass ist dumpf und dadurch wie gesagt so simpel zu erklären. Im Grunde genommen wäre wohl schon viel gegen ihn getan, wenn diese Jungs einen Job, eine Freundin und ein Hobby hätten, das nicht trinken heißt. Dann hätten sie nämlich schlichtweg keine Zeit mehr, sich selbst leid zu tun und andere für ihre Situation verantwortlich zu machen. Aber da es nun mal in der Provinz und vor allem in der ostdeutschen Provinz wenige Jobs, immer weniger Mädchen und wenige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung gibt, klebt das Problem Ausländerfeindlichkeit in diesen Gegenden an jeder Hausmauer. Wer es dort aufsammelt, organisiert und in ein Programm schreibt, hat gute Chancen, erfolgreich zu werden. So wie die rechtsextreme NPD.

In der erfolgreichen Organisation von Frustration und Hass liegt eine große Gefahr. Diese Gefahr ernst zu nehmen, ohne hysterisch auf sie zu reagieren, ist eine immense Herausforderung. Die demokratischen Parteien und auch die Medien in Deutschland sind mit dieser Herausforderung noch immer überfordert. Sie tangieren zwischen völliger Ignoranz des Problems, angeekelter Empörung und Skandalisierung.

Damit kommt die NPD prima klar, sie kann sich als Märtyrer- und Wohltäterpartei aufspielen. Zwischendurch ein Kinderfest mit Bockwurst und Kartoffelsalat gratis – und die Wählerstimmen sind eingefangen. Es ist wirklich alles zu simpel. Und deshalb macht es mich auch regelmäßig so wütend.

Denn die – zugegeben wirklich auch simple – Frage, die ich mir dann immer wieder stelle ist: warum machen die anderen Parteien keine Kinderfeste? Warum machen sie nur von sich Reden, wenn sie Jugendclubs und Freizeiteinrichtungen schließen? Oder warum stellt sich kein Politiker mal mit diesen Jungs auf den Dorfplatz und diskutiert mit ihnen, hinterfragt ihre Scheinrealität, führt ihnen nüchtern vor Augen: „Mensch Jung, was du da redest ist doch kompletter Blödsinn“?

Ich finde keine Antwort auf diese Frage. Vielleicht gibt es ja keine vernünftige. Oder vielleicht ist sie doch zu simpel um darauf eine Antwort zu geben? Vielleicht sollte man darüber mal eine Studie anfertigen.

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