Film ab

“Du musst denen schon wat bieten. Die kommen hierher, weil die sich Berlin so vorstellen. Da kannste nich mit ne Rauhfasertapete kommen oder allet voller Windows-Rechner zu stehen haben. Die erwarten, dass Du inner Fabriketage mit so ‘ner Wand hier sitzt und Mac-Rechner hast. Und zum Mittag musste die in den Soho-Club einladen. Denn denken die sich, so is det in Berlin. Die möchten zwar hier nich leben, aber so machem se Jeschäfte mit Dir.” Er sagt das so, ganz Mann von Welt und völlig abgeklärt. Habe ich das Gefühl, dass er dabei ein bisschen traurig schaut, weil ich mir wünsche, dass er es täte? Vielleicht schaut er auch einfach nur genervt. Er kennt die Spielregeln und er hält sie ein, aber er war bestimmt nicht derjenige, der sie aufgestellt hat. Er muss hier Geld verdienen, er hat eine Familie zu Hause und vielleicht macht es ja auch Spaß. Ab und zu ein bisschen Hollywood.

Die meisten hier spielen mit, aus Gründen oder so. Die einen nennen es Individualismus, die anderen nennen es Krampf. Manche müssen von Beruf aus lässig sein. Das richtige Equipment haben. Die richtigen Klamotten. Andere müssen es, um die Leere zu füllen, in der eigentlich ein Jemand sein sollte. Jemand, der sie selbst ist. Der Rest sieht nur gut aus. Persönlichkeit gibt’s nicht im Winterschlussverkauf.

Eigentlich würde er gern einen Roman schreiben.

Hinterlasse einen Kommentar

Filed under Rein in die Stadt

Linie 55

Hinterlasse einen Kommentar

Filed under Rein in die Stadt

Momentaufnahmen

Immer, wenn mein Leben gerade nicht so ist, wie ich es mir so vorstelle, wenn ich mich also beispielsweise gerade nicht an einem thailändischen Strand wild knutschend mit Leonardo Di Caprio im Sand wälze, sondern mir stattdessen Gedanken darüber mache, wann ich mein Auto in die Werkstatt bringen kann, weil im Fußraum das Wasser zentimeterhoch steht, frage ich mich: woher die Gelassenheit nehmen, die Beschissenheit solcher Tage hinzunehmen?

Mit dem Leben ist es vielleicht, wie mit einem Film. Die Dramaturgie entsteht im Kopf aber die Realität nimmt einem die Regie aus der Hand und quatscht ständig dazwischen. Nur wenige Menschen beherrschen es, aus dem Film viele einzelne Bilder zu machen, in der Momentaufnahme zu leben und darin Erfüllung zu finden. Sich von den Erwartungen an ihr eigenes Leben als Gesamtkunstwerk zu lösen und es in mehreren Kurzfilmen zu leben.

Früher, sagen wir so mit 20, dachte ich immer, es läuft alles geradeaus auf ein Ziel zu. Was dieses Ziel war, wusste ich natürlich nicht. Ich wusste nur, dass es ein langer Weg war und mir fielen immer irgendwelche Sachen ein, die ich auf diesem Weg noch zu erledigen hatte. Jetzt mit beinahe 30 sind die Ziele nicht wesentlich konkreter geworden. Ich habe nur zehn Jahre weniger Zeit, sie zu erreichen. Setzt mich das unter Druck? Manchmal tut es das. Zum Beispiel, wenn ich mein Auto in die Werkstatt fahren muss und mir stattdessen wünsche, an einem thailändischen Strand zu liegen. Dann frage ich mich: warum kann ich das JETZT nicht haben? Habe ich es vielleicht nur zu wenig versucht? Die Konsum- und Selbstoptimierungswelt erzählt Dir schließlich Tag für Tag, dass Du ALLES haben kannst, wenn Du nur hart genug dafür kämpfst. Wer bleibt da cool und ungefrustet und wirft sich nicht ständig vor: selber Schuld.

Selber Schuld bin ich aber auch, wenn ich mir zu hohe Erwartungen setze, die sich dann nicht erfüllen. Dann wirft mir meine Umwelt vor, ich würde ein schmollendes Prinzesschen sein, das auf weißbepferdeten Prinz inklusive Schloss wartet, wo ich mich doch endlich mit dem Bauern und dem Kartoffelacker zufrieden geben sollte. Aber wann ist der Punkt, an dem man die Erwartungen an sein eigenes Leben aufgibt? An dem man den Seelenfrieden vor das Glück stellt? Bei manchen kommt er nie, das weiß ich, aber wann sollte er kommen, bevor es lächerlich wird? Mit 30? Mit 35? Mit 40? Und sind die, die ihren Seelenfrieden dann gefunden haben nicht doch am Ende wieder neidisch auf die Anderen, die Getriebenen, die Rastlosen?

Meine Hoffnung ist, dass ich es herausfinde, bevor ich 90 bin.

2 Kommentare

Filed under Ichgespräche

Aufgehoben für später

Ich will einen Schrein anlegen. Einen Schrein, der die Dinge konserviert. In ihm sind Bilder, keine Fotos, sondern Bilder aus meinem Kopf, die immer bleiben, weil ich schon im Moment als ich sie sah wusste, dass sie immer bleiben müssen, immer bleiben werden. Dann sind da all die anderen Dinge, die meine Sinne erfasst haben und die ich aufheben will, bis zum Schluss. Das, was ich berührt habe, das was ich gerochen habe, das was ich gehört habe, das was ich geschmeckt habe. Es wird dort gesammelt und bleibt einfach da liegen. Und immer, wenn ich das Gefühl habe, dass ich mich gerade ganz weit weg bewege von dem, was da drin ist, dann kann ich ihn öffnen. Dann ist das mein Weg zurück.

Hinterlasse einen Kommentar

Filed under Ichgespräche

Manchmal

Manchmal musst Du so lange Räuber und Gendarm spielen, bis Du weißt, welches Deine Rolle ist.

Manchmal musst Du lange suchen, bis Du den ersten Instinkt verstehst.

Manchmal musst Du so lange wach liegen, bis Dir ein Traum einfällt.

Manchmal musst Du auf der Straße liegen, um zu wissen, in welche Richtung es geht.

Manchmal muss es Dir wehtun, damit Du merkst, dass es das Leben ist.

Hinterlasse einen Kommentar

Filed under Ichgespräche

Tauwetter

Die Gespenster werden kleiner. Irgendwann werden sie zurück in ihre Höhlen kriechen. Dann wird nur noch ein müder Schatten hier und da von ihnen zeugen, wie ein Zucken am Augenlid oder ein kurzes Geräusch im Ohr. Dann wird es so sein als wären sie nie wahr gewesen, so wie ein schlechter Traum. So wie es sein soll, schon immer sein sollte. Die Sonne kann dann wieder Wärme ausstrahlen. Sie muss sich nicht mehr mit dem Eis abmühen.

Hinterlasse einen Kommentar

Filed under Ichgespräche