Konzentrationsinkontinenz

Man müsste ja so vieles noch lesen, sehen, wissen, können, verstehen. Leider ist das alles nie zu schaffen. Man bräuchte im Schnitt etwa noch sechs Gehirne, zwanzig Augen, zehn Hände und einhundert Ohren, um alle Informationen, die auf einen hereinprasseln, aufzunehmen und in die richtige Schublade zu ordnen. Und dann, liebe Medienöffentlichkeit, sollst Du Dir auch noch eine Meinung bilden. Griechenland retten oder untergehen lassen? Stuttgart 21 bauen oder nicht? Gurken essen oder verschmähen?

Das schwierigste bei all dem ist, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden. Es gibt ja Menschen, die fokussuieren sich immer auf das Wichtigste. Oder fangen wir anders an. Es gibt Menschen, die fokussieren sich überhaupt. Für mich ist das ein Fremdwort. Ich interessiere mich für alles. Außer Golfspielen und Molekularküche vielleicht. Aber wenn es spannend erzählt ist, vielleicht auch dafür. Das klingt auf den ersten Blick gut. Vielseitig interessiert sind Sie, aha, soso. Sprechen also auch Fremdsprachen, können lesen und schreiben und auch ein bisschen rechnen. Genauer betrachtet birgt das aber erhebliche Nachteile. Zum Beispiel beim Lesen einer Zeitung. Ich blättere von vorn bis hinten alles durch, zwinge mich dazu, nur die Überschriften zu lesen um hinterher zu entscheiden, was ich wirklich lesen will. Das klappt aber nur in sagen wir mal 20 Prozent aller Fälle. Normalerweise bleibt mein Blick irgendwo hängen, hält mich ein Thema für wenige Sekunden intensiv gefangen. Ungefähr bis zum ersten Absatz und dann geht es ping-pong-mäßig so weiter durchs ganze Blatt. Hier mal eine Zeile, dort mal ein Absatz, von Syrien bis Kate Middleton. Und mit dem Internet ist das alles ja noch viel schlimmer. Interessiert mich das? Klick! Interessiert mich nicht mehr? Tschüß!

Und am Ende des Tages weiß ich gar nichts. So wie Sokrates, aber der war Grieche. Und was mit Griechenland passiert ist…

Ich leide unter Konzentrationsinkontinenz. Ich würde mich gern auf IRGENDETWAS fokussieren. Aber es gelingt mir nicht. Ist die Welt zu komplex geworden? Oder war sie es immer schon? Auf jeden Fall scheint die Rechenleistung in meinem Kopf nicht auszureichen, um das alles sinnvoll zu verarbeiten. Ich bräuchte eine externe Festplatte mit mehr Speicherplatz. Sonst, fürchte ich, kommt es irgendwann zum Systemausfall. Und ob es dann noch einen Neustart gibt…

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Ein Schiff wird kommen

Ungefähr die Hälfte seines Lebens verbringt der Mensch mit warten. Darauf, dass etwas passiert. Und was passiert meistens? Nix! Außer natürlich Ärger.

Nun gibt es verschiedene Strategien, um mit dieser Tatsache umzugehen: Meditieren, Resignieren oder Ausrasten. Menschen, die oft ausrasten, gelten in der Regel als furchteinflößend, dennoch aber als interessant. „Die haben Power, die haben Temperament, die lassen sich nicht die Butter vom Brot nehmen“, denkt man dann. Ordentlich rumschreien, sich aufregen und durchdrehen kann tatsächlich zur Seelenhygiene beitragen. Dass man zu dick aufgetragen hat, merkt man erst, wenn man völlig ausgebrannt ist und alle Freunde weg sind. Sprich, wenn man Chef geworden ist. Meistens ist es dann zu spät.

Daher ist die Methode des Meditierens zwar die schwierige, aber auch die – ich möchte dieses Modewort gern einfügen – nachhaltigere. Im Rückzug in den eigenen Geist und der ausgiebigen Beschäftigung mit den Dingen und dem Sein liegt eine Kraft, die einen schweben lässt wie Fettaugen auf einer Soljanka. Diese Gelassenheit bringt einen mit ruhigem Puls durch den Tag und gibt einem die Gewissheit, der moralische Sieger zu sein. Leider wird man so von niemandem wahrgenommen, was nicht unbedingt karrierefördernd ist.

Der elegante Mittelweg ist daher die Resignation. Viele wählen sie und fahren damit in ruhigem Fahrwasser durch den Strom, dessen Name Leben lautet und dessen Ende vorgezeichnet ist. Hier und da warten abwechselnd Strandbars oder Piraten am Ufer. Beide lässt man aus Bequemlichkeit oder Angst einfach stehen. Man durchquert die Wellen, die hohen und die tiefen, ohne eine Miene  zu verziehen. Ab und zu trifft man Heulbojen, mit denen man gemeinsam rumjammern kann. Pessimismus und Weltuntergangsstimmung sind die ausgprägtesten Charaktereigenschaften solcher Menschen. Sie leben nach dem Leitspruch: “Irgendwas is ja immer.” Sie werden liebend gern Journalisten.

Und weil es solchen Spaß macht, solchen Humbug zu schreiben, auch nach Feierabend, bin ich einer von ihnen. Es hört nie auf und es wird nie besser. Aber schön ist es doch.

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Liebes Tagebuch,

Als ich gestern nach Hause kam, brannte das Haus neben meinem Haus. Die Straße war voller Leute, die Feuerwehr stand da und aus dem Dach schossen meterhohe Flammen. Eine Schrecksekunde lang dachte ich, es wäre mein Haus, das da brennt. Vor allem hatte ich Angst, das Feuer könnte durch meine Schuld entstanden sein und da, liebes Tagebuch, war ich froh, dass ich seit kurzem eine Haftpflichtversicherung besitze. Ist es das? Ist es dieses Sicherheitsdenken, was jetzt einsetzt? Ich werde heute 30. In den letzten Wochen habe ich seltsame Dinge erlebt, ja die seltsamen Dinge schienen sich geradezu zusammenzurotten um in der Voraussehung meines Geburtstages geballt über mir hereinzubrechen. Dass das Feuer zu diesen Dingen gehört, will ich gar nicht sagen, nicht alles auf der Welt geschieht, weil es mich gibt. Aber das Feuer hat ein letztes Mal in meinem Leben als U-30-Jährige jenen paranoiden Schub ausgelöst, der mich in den vergangenen Wochen immer wieder heimgesucht hat. 30 werden und eine Krise kriegen, das klingt klischeehaft, oder? Aber es ist so, ich hatte Angst vor diesem Geburtstag und jetzt ist er da. Und eigentlich fühlt es sich bisher ganz gut an. Ich bin ein bisschen beruhigt.

Eines habe ich mich gestern gefragt: was ist eigentlich, wenn meine Wohnung abbrennt? “Du brauchst ‘ne Hausratsversicherung”, hat Betty Beauty von gegenüber gesagt. Sie kam gerade vom Spaziergang mit ihrem pink gefärbten Pudel, trug ein Kleid mit Tiermuster und bestellte sich bei Juan Carlos eine Caipirinha auf den Schock. Die Feuerwehr hatte sie nicht mehr in ihren Laden gelassen. Betty ist über 30 und Unternehmerin, eine weise Frau. 30 ist ein gutes Alter, um eine Hausratsversicherung abzuschließen, oder was meinst Du?

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Einmal gut durchlüften

Es ist ja wirklich so. Die Welt wird anstrengender, Tag für Tag. In letzter Zeit wird mir immer schwindelig, wenn ich irgendwo einen „Senden“-Knopf betätige. Umso schöner, dass es noch Dinge gibt, die sich nicht ändern. Das älteste aller Social Networks hat pünktlich zum schönen Wetter geöffnet: der Biergarten. Und ich entdecke täglich Menschen wieder, die ich den ganzen Winter über nicht gesehen habe, weil sie oder ich irgendwo in einem Kaninchenbau verschwunden waren. Es lässt sich gut mit ihnen aushalten, mit ihnen und Bier und Wodka. Und schönen Gesprächen.

Darüber hinaus gibt es jetzt jedes Wochenende Freiluft-Tanz in Berlins entlegensten Winkeln, am Müggelsee, in Rummelsburg oder Gottweißwo. Berlin entdeckt seine Provinz. Als der Open-Air-Tanz vor einigen Wochen als neuer Berlin-Trend im Süddeutsche Magazin vorgestellt wurde, dachte ich noch: die spinnen, die Münchner. Tun sie nicht. Sie trauen sich was. Einfach mal was erklären und darauf warten, wie sich die Realität dem Erklärten anpasst. Alle, die noch nach dem Next Big Thing von morgen suchen (und tun wir das nicht permanent alle?) und dabei Kopfschmerzen bekommen, sollten sich das hinter die grünen Ohren schreiben. Der Rest sollte einfach mal abschalten. Ein bisschen tanzen, ein bisschen vergessen, ein bisschen eins werden mit der Sonne und dem Wind. Und ein paar Alltagssorgen auf den nächsten Winter verschieben.

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Was kann man denn heute noch essen?

Verwirrung im Supermarkt

Verwirrung im Supermarkt

 

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“Berlin lag immer zu nahe”

In Berlin leben Künstler, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker, Designer und andere Kreative. Viele von ihnen kommen nicht ursprünglich von hier, sondern sind echte Provinzkinder, die aus Dörfern oder Kleinstädten stammen und dort meist ihre ganze Kindheit und Jugend verbracht haben. Was hat sie dazu bewegt, die Provinz zu verlassen und in die Großstadt zu ziehen? Wie ist ihr Verhältnis zur alten Heimat heute? Wie inspiriert sie sie? Und wieviel davon steckt noch in ihnen? Das hat mich interessiert und deshalb habe ich angefangen, einige von ihnen zu fragen. Zum Beispiel Judith Zander.

Judith Zander

Judith Zander

Seit Sommer 2009 wohnt Judith Zander in Berlin. Ursprünglich stammt sie aber aus Anklam, einer Stadt mit immerhin noch rund 13.000 Einwohnern, wo sie 1980 geboren wurde und bis zum Studium lebte. In ihrem Roman “Dinge, die wir heute sagten” beschreibt die Autorin das Leben in einem vorpommerschen Dorf, irgendwo abgelegen im Nirgendwo. Ein Dorf, wie es viele in diesem Landstrich gibt, und in denen nach und nach das Licht ausgeknipst wird. Ich habe Judith ein paar Fragen per Mail geschickt und sie hat sie schriftlich beantwortet.

Wie kam es, dass Du in Berlin gelandet bist?

Ich habe vorher in Leipzig gewohnt, so lange, bis fast alle meine Freunde nach Berlin gezogen waren und ich merkte, dass ich nicht in einer entleerten Stadt leben möchte. Auch waren sieben Jahre Sachsen erst mal ausreichend.

Wolltest Du schon immer hier leben?

Nein. Es lag zu nahe.

Ist Dein zu Hause hier oder dort, wo Du herkommst?

Sowohl als auch. Weder – noch.

Welches sind die markantesten Unterschiede zwischen Berlin und dem Ort, aus dem Du stammst?

Die Unterschiede sind in erster Linie in jeder Hinsicht quantitativer Art. Daraus ergeben sich die qualitativen.

Welcher Brauch wird in Deiner Heimat gepflegt?

Goldkrone.

In welchen Situationen wird Dir bewusst, dass Du aus der Provinz stammst?

Wenn ich in der Provinz bin und es mir auf die eine oder andere Weise immer noch nicht egal ist, wie die Leute mich angucken.

Gibt es in deiner Wohnung Andenken an zu Hause?

Da ich in meiner Wohnung zu Hause bin: ja.

Wie inspiriert Dich Dein Herkunftsort? Beeinflusst er Deine Arbeit?

Ja. Wenn er zu etwas gut ist, dann dazu.

Was fehlt in Berlin?

Das Meer. Menschenleere Landschaft.

Was fehlt in Deiner Heimat?

Alles andere.

Welches ist Dein Lieblingsbezirk?

Ich bin gegen Provinzialisierung.

Warum?

Sie pflegt ein inzestuöses Verhältnis zur Doofheit.

An welchem Ort auf der Welt würdest Du am liebsten leben?

Dass ich darüber nicht nachdenke, zeigt vielleicht, dass ich nicht am völlig falschen Ort bin.

 

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