Die Sechs-Millionen-Euro-Stiefel

These boots are made for walking

These boots are made for walking

Ich glaube selbstverständlich uneingeschränkt an alles Esoterische und die Macht der Vorhersehung. Deshalb ist es auch kein Zufall, dass ich neulich das träumte, was ich träumte, sondern ich habe nichts Geringeres als in die Zukunft geschaut.

Und zwar ging der Traum so: Ich ging in ein Schuhgeschäft, um Gummistiefel zu kaufen. Angesichts der nassen Atmosphäre draußen ein durchaus vernünftiger Plan, wie ich auch im wachen Zustand anerkennen muss. Diese Gummistiefel waren so modische Gummistiefel, wie man sie jetzt in Hamburg und Berlin trägt: Kleidungsstücke, die der allgemeinenen urbanen Sehnsucht nach etwas Echtem und Bodenständigem entsprechen. Diese Gummistiefel gefielen mir ganz gut, ich hatte lange mit mir gerungen, ob so etwas zu mir passt und diese Frage letztlich mit ja beantwortet. Ich sagte also zur Verkäuferin: “Was kosten diese Stiefel?”

Die Verkäuferin sagte, ohne eine Miene zu verziehen und in ungerührtem Ton: “Die kosten 6 Millionen Euro.” Hier beginnt meine Erinnerung an den Traum etwas schwammig zu werden, ich weiß noch, dass ich den Preis etwas übertrieben fand, aber dennoch darüber nachdachte, ob ich mir das Geld nicht irgendwie besorgen könnte. Gleichzeitig tat es mir um das schöne Geld aber auch wieder leid und ich befand mich in einer kollossalen, kaum lösbaren Zwickmühle. Das ist dann meistens der Moment, wo man aufwacht.

Sechs Millionen Euro für ein Paar Gummistiefel. Bei Lichte betrachtet kompletter Unsinn, aber dennoch: gibt es nicht überall böse Gerüchte über eine nahende Inflation, über das Ende unserer Währung? Steht der Euro nicht im günstigsten Falle vor dem Garaus, ja steht nicht das ganze schöne Europa am Ende dieses Jahres auch an seinem Ende? Man weiß ja nicht, wem man glauben soll, den Untergangspropheten oder den Schönrednern oder Frau Merkel, die mit schmerzverzerrter Miene immer wieder das Mantra wiederholt: “Scheitert der Euro, dann scheitert Europa”, so als müsste sie das Schicksal dieses ganzen Kontinents allein auf ihren Schulterpolstern tragen.

Schon freuen sich einige wieder auf “ihre gute alte D-Mark“, frohlocken, dass es nun endlich bald vorbei sei mit der ganzen fremdbestimmten Euro-Bürokratie, dass der Sturz des Euro ein Neubeginn für die wirtschaftlich wiedererstarkte Nation sei und nun endlich alles, was der Deutsche sich erarbeitet hat nun auch wieder nur ihm allein gehört. Schon immer habe man doch die D-Mark vermisst und mit dem Euro sei man doch ohnehin nie so richtig warm geworden, sagt der kleine Mann auf der Straße angeblich und dem “Pleite-Griechen” hat er ja nun auch lange genug die Milliardchen über den Tisch geschoben.

Ich hatte nie ein derart intimes Verhältnis zu “unserer D-Mark”, es war nie “meine D-Mark”, es war nur eine von vielen möglichen Währungen, nach der DDR-Mark die zweite, die ich in meinem bis dato kurzem Leben erleben durfte. Ich habe daher auch keine herzerwärmenden Wirtschaftswundererinnerungen in mir und schon gar nicht nenne ich eine dermaßen chauvinistische Denkart über andere Länder und deren Bewohner mein eigen.

Wenn man bei Geld überhaupt von so etwas wie einer Bindung sprechen kann, würde ich den Euro als meine Lieblingswährung bezeichnen, von der ich deshalb auch nicht will, dass sie wieder aus unseren Portemonnaies verschwindet. Das hat verschiedene, in der Tat auch emotionale Gründe. Der Euro ist die Währung, die es mir ermöglicht ohne ein einziges Mal anzuhalten und zu tauschen durch die verschiedensten Länder Europas zu reisen. Ich kann einschätzen, was Freunde in Italien, Spanien oder Griechenland monatlich verdienen und ich kann auf einen Blick erkennen, dass das wirklich nicht viel ist – und wie gut es mir im Vergleich dazu geht. Ich kann in Paris frisch duftende Croissants und einen Kaffee damit kaufen, muss nichts umrechnen und kann die Aussicht auf den Eiffelturm ohne Zahlen im Kopf genießen.

Vielleicht sind das alles Kleinigkeiten im Vergleich dazu, was da gerade auf dem Spiel steht, aber es sind genau solche Kleinigkeiten, die die Anhänger der D-Mark bemühen. Der Euro ist unsere Währung, die Währung der jungen europäischen Generation, wir sind jetzt ein gutes Stück mit ihr gegangen und bis vor Kurzem haben wir es mit ihr auch gar nicht so schlecht gehabt.

Wenn der Euro jetzt scheitert, muss das nicht heißen, dass Europa scheitert. Aber es würde ein gutes Stück Vertrauen in unsere europäische Gemeinschaft verloren gehen, ein bisschen etwas von einer europäischen Identität, ein ohnehin zartes Pflänzchen, das in den Jahren nur mühsam geblüht hat. Ich selbst habe von dieser europäischen Idee profitiert, sei es beim Austausch-Studium in Frankreich oder beim Ständigen passfreien Überschreiten von Grenzen.

Und ich habe gespürt, dass sie etwas sehr Schönes ist: eine Idee, die mehr ist als bloße Zahlen und ein überbordender Bürokratieapparat – auch wenn sie dies alles auch ist. Aber sie ist für mich auch die Vorstellung, dass viele Menschen mit unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Sozialisation und unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zusammen etwas sein können.

Bei der Frage, ob der Euro gerettet oder fallen gelassen wird, geht es eben nicht nur um die Frage, ob wir uns das alles noch leisten wollen, sondern um die Frage: wie bauen wir Europas Institutionen so um, dass wir uns das leisten können? Euro behalten heißt: mehr Gemeinsamkeiten in Europa. Der Schritt, vor dem die einzelnen Länder dabei Angst haben, ist der der Abgabe von Souveränität an ein größeres Ganzes. Sowas erfordert kluge Entscheidungen, Vertrauen und Mut. Es ist mit Sicherheit ein Experiment. Aber es ist ein Experiment, dass wir wagen sollten, denn all die anderen Experimente haben wir ja nun schon durch.

Wie kriege ich jetzt den Bogen zurück zu den Stiefeln? Natürlich glaube ich nicht an die Vorhersehungsmacht meiner Träume, das war nur ein dramaturgischer Schachzug, um Euch beim Lesen zu halten. Vielleicht lässt es sich ganz lapidar so sagen: Stiefeln wir doch einfach mal los in Richtung 2012 und glauben wir doch einfach mal dran, dass wir das schon schaffen. Das mit diesem Euro und das mit diesem Europa.

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Reiserentner

Deutschland ist das Land der reisenden Rentner. Das liegt am Klima. In wärmeren Ländern als Deutschland sitzen alte Menschen gern in Parks, spielen Boule oder trinken Rotwein. Sie versammeln sich im Freien und sehen insgesamt glücklicher und gelassener aus, als die reisenden Rentner in Deutschland. In unserem Land muss der Rentner verreisen, wenn er noch einigermaßen gut beieinander ist. Er muss der Kälte entfliehen, indem er in Bewegung bleibt, und seinen Kindern, die sich Schwiegersöhne und -töchter angelacht haben, die der Rentner nicht mag.

Harz-Panorama

Harz-Panorama

Reisende Rentner sind in Gruppen unterwegs, in denen sich die Reisegeschwindigkeit nach den am wenigsten Rüstigsten richtet. Als pastellfahrendes, wetterfestes Rentnermeer überfallen sie in behäbigem Tempo Regionalzüge und belegen dort jeden Platz und jeden Winkel mit ihren Reiserucksäcken. Die praktischen Wanderschuhe haben sie während der Fahrt fest in den Boden gerammt, so als gelte es, sich vor dem Verschwinden zu retten. Sie haben immer gute Laune und viel Gesprächsstoff, es gibt kaum ein Thema, das auf so einer Fahrt nicht abgearbeitet werden muss. Essen haben sie auch dabei, in kleine mundgerechte Portionen zerschnitten und in praktischen Tupperdosen aufbewahrt. Der reisende Rentner hat stets Angst davor, zu verhungern.

Dabei fährt er meist in Gegenden, wo es an allem mangelt, was Spaß macht, außer an Gastronomie. Der Rentner besteigt den Brocken oder durchwatet das Wattenmeer, er jagd durch den Odenwald oder umrundet die Saarschleife. Der Rentner reist durch Deutschland, denn in Deutschland gibt es ja so viel zu sehen. Wärmer wird ihm davon nicht und die Mitreisenden gehen ihm auf die Nerven. Man sind die alt geworden, denkt sich der Rentner. Was suchen die eigentlich alle hier? Glauben sie, ihr Leben nachholen zu können? Fällt ihnen denn wirklich nichts besseres ein?

Aber zeigen kann er das den anderen nicht. Die reden ja gerade über Tanzschritte und tun krampfhaft so als würden sie nicht ständig daran denken. Daran, dass das Leben doch schon längst vorbei ist. Und dass sie eigentlich gar nicht reisen wollen. Am liebsten wäre er jetzt daheim. Die Enkeltochter ist gerade ein Jahr alt geworden. Gesehen hat der Rentner sie noch nie. Es hat einfach zeitlich noch nicht gepasst.

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Baut auf, baut auf

Warum bauen Menschen Flughäfen, Wolkenkratzer oder Supertanker? Weil sie es können. Wie emsige Ameisen wühlen sie ständig Landschaften um, bauen, errichten, überqueren und machen alles höher, schneller und weiter. Der Hang zum Gigantismus scheint  uns innezuwohnen.

Der Mensch will mehr sein, als er ist und er will, dass etwas von seiner kümmerlichen Existenz in etwas größerem, schwererem und haltbarerem weiterlebt. Dass so ein Größenwahn auch schief gehen kann, wissen wir nicht erst seit Leonardo di Caprio von der Titanic an den Meeresboden gezogen wurde. Wer hoch baut, kann tief fallen. Noch darüber hinaus zieht er Neider auf sich, die ihm seine Größe strittig machen wollen. Ein Prinzip, das wir auch aus dem Sandkasten kennen. Am Ende gab es immer ein Kind, das unsere mühsam errichtete Sandburg mit Tunneldurchgang und Türmchen mit einem Fußtritt böswillig zerstört hat.

Wer also Großes schafft, muss immer mit Anfeindungen rechnen, vielleicht ist so die Sturheit zu erklären, mit der die Bauherren dieser Welt ihre irren Phantasien immer wieder auch wider besseren Wissens durchsetzen wollen und auch keinem vernünftigen Argument mehr zugängig sind. Denn Argumente gegen das Großprojekt sind immer Argumente der Fortschrittsverweigerer und Neidhammel, sei es nun bei Stuttgart 21, beim Berliner Großflughafen oder beim Burj Al Arab. Dass die schiere Größe einigen Menschen aus vielen guten Gründen auch Angst macht oder in Rage versetzt, können oder wollen sie nicht verstehen, denn der Verstand setzt bei dem Gedanken, unendlich zu sein, selbstverständlich aus.

Wem könnte man es verdenken? Das Leben ist endlich und bis zur Beerdigung ist es für die meisten eine lange Zeit voller leerer Sekunden, die gefüllt werden müssen. Wie könnte man das besser tun, als mit ständigem Aufbauen, im Idealfall mit einem Bauwerk, von dem noch Generationen nach einem etwas haben (und wenn es nur die Milliardenschulden sind). Wenn es dann steht, ist der Ärger ja meistens sowieso vergessen, denn dann schauen sie alle auf das Werk und rufen “Aah” und “Ooh” und spätestens dann ist es an der Zeit, das nächste Großprojekt zu planen. Auf das die Landschaften weiter blühen.

 

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Adieu, Welt

Die Welt, das kann ja nun wirklich niemand mehr leugnen, geht unter. Das Zentralorgan des Weltuntergangs, der Spiegel, widmet sich auch in der aktuellen Ausgabe wieder einigen der spannendsten Szenarien des Planetenendes. Das Schöne ist: niemand kann den Verfall mehr stoppen. Kein Wirtschaftsweiser, kein Politiker, kein Journalist. Der Kapitalismus frisst seine Kinder, also uns, und wir schauen ungläubig zu und twittern dabei leise.

Als ich ein Kind war, hatte ich immer eine eigentümliche Vorstellung von Weltuntergang. Ich empfand ihn als das Gerechteste und Demokratischste, das der Menschheit passieren kann. Nie dachte ich dabei an atomare Verseuchung, Umweltzerstörung, Elend, Kannibalismus und qualvolles Sterben, also all die Dinge, die vermutlich einem Weltenende vorangehen. Ich dachte immer an den ruhigen und friedlichen Moment, an dem alles vorbei ist und niemand mehr Hunger leidet oder gefoltert wird. An dem kein Regenwaldbaum mehr gefällt und kein Robbenbaby mehr erschlagen wird. Ich dachte daran, dass, wenn alle tot sind, niemand zurückbleibt, der trauern muss. Ich fand, das sei eine gute Aussicht.

Heute bin ich erwachsen und schlauer und weiß: je länger der Weltuntergang andauert, desto besser. Denn umso mehr lässt sich an ihm verdienen. Ein schwunghafter Handel mit Weltuntergangsaccessoires, Weissagungen und Ratgeberbüchern lässt sich bei so einem gepfefferten Abgang der Menschheit ins Leben rufen. Ich könnte Wurzelbürsten und Badezusatz verkaufen, Opferlämmer vor Tempeln anbieten, in die Sterne schauen und dabei unverständliches Zeug murmeln. Ich könnte behaupten, die mathematische Zauberformel für den Dax-Verlauf gefunden zu haben, dabei das Auf und Ab des Kurses aber jeden Morgen danach bestimmen, ob ich mit dem rechten oder dem linken Bein aufgestanden bin.

Ich könnte Zertifikate verkaufen, auf denen steht, dass beim Kauf eines Zertifikats das Weltende um eine Minute hinausgezögert wird. Wer diese Zertifikate erwirbt kann sie weiterverkaufen  und dabei mit dazu beitragen, dass wir alle noch ein bisschen länger durchhalten. Ich könnte Busreisen an den Ölberg, nach Lourdes oder nach Bugarach organisieren, dort in einem Bauchladen, ausgestattet mit allen nötigen Devotionalien, die Besucher willkommen heißen.

Und zum Schluss, wenn es wirklich richtig zu Ende geht mit der Welt, organisiere ich das Catering, die Sonnenbrillen, die Liegestühle, die Musik und die Drogen, die dazu nötig sind, so vielen Menschen wie möglich das Beiwohnen des Untergangs äußerst angenehm zu gestalten. Ein Festival, eine ganze Industrie werde ich um das Ende herumbauen, das wird wunderbar und ich werde die reichste Frau der Welt sein. Reicher als alle reichen Männer, die uns den ganzen Quark eingebrockt haben. Und ich werde die letzte Überlebende sein, weil die Reichen sich das Überleben leisten können. Und dann werde ich dort stehen, mitten in der Sintflut, den letzten Eisbären von seiner Scholle schubsen und die letzten reichen Männer gleich hinterher. Und langsam wird sie sinken, die Scholle und aus meinem MP3-Player wird ein Paul-Kalkbrenner-Remix von „My heart will go on“ dröhnen.

Und endlich, wenn auch ich dann gepflegt untergegangen bin, wird Ruhe sein. Es wird dieser ruhige und friedliche Moment sein, an dem alles vorbei ist und niemand mehr Hunger leidet oder gefoltert wird. An dem kein Regenwaldbaum mehr gefällt und kein Robbenbaby mehr erschlagen wird. An dem niemand zurückbleibt, der trauern muss.

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Sommerpause

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Sommerschön

Der Sommer verlangt uns diesmal viel ab. Nicht nur, dass man ihn immernoch nicht als App runterladen kann, nein, er stellt sich auch an als sei er ein Konzert von Amy Winehouse. Man weiß nie so genau, ob er stattfindet oder nicht und wenn ja, dann wie.

Das alles spricht aber nicht gegen Urlaub. Urlaub weniger als Abwesenheit von Arbeit und Anwesenheit von Sonne (auch wenn das natürlich der Idealzustand wäre). Als Urlaub definiere ich ab heute auch die Befreiung von allen doofen Gedanken und Zuständen, die das ganze Jahr über nerven. Man nehme dazu nur einen starken Staubsauger, halte ihn sich an ein Ohr und puste einmal kräftig durch. Was da alles rauskommt.

Wunderbar ist es, hinterher mal in den leeren Kopf hineinzuhorchen und das Echo auf sich wirken zu lassen. Wie Morgentau, so rein und klar, hört sich das an. Und plötzlich, ganz zart, ganz klein, ein wenig schüchtern noch, entstehen da Ideen. Und sie wachsen in atemberaubendem Tempo und eine von ihnen wird immer größer, auch als die anderen schon stillstehen. Es ist die Idee, dass das alles möglich ist, was Du Dir gerade ausgedacht hast. Dass Du es eigentlich bloß tun brauchst und dass es dann schon irgendwie geht. Vor allem aber, dass Du Dich niemals zwingen musst, weil die Zeit Dich dahin bringen wird, wo sie Dich hinbringen will. Und bis dahin brauchst Du Dir eigentlich gar keine Sorgen mehr machen.

Sommer ist gut. Egal, wie er sich gerade so anstellt.

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