Die Kunst des Schweigens

Es war einmal sehr alter und sehr weiser Mann. Er war so alt, dass er sein Alter selbst nicht mehr so genau wusste und er hatte einen Bart so lang, dass er ihm bis an die Zehenspitzen reichte. Seit Jahren wollte er sich diesen Bart mal schneiden. Aber er kam einfach nicht dazu. Denn ständig musste er anderen dabei zuhören, was sie zu sagen hatten.

Wenn er morgens aufstand, redete seine Frau schon auf ihn ein. Sie zählte ihm auf, was er an diesem Tag alles zu erledigen hatte. Er wusste, was er zu erledigen hatte. Denn es war jeden Tag dasselbe. Aber er ließ sich nichts anmerken. Als er am Frühstückstisch saß, erzählte jedes seiner sieben Kinder davon, was es am liebsten aufs Brot haben wollte, was sein Lieblingsfach in der Schule war und mit welchem anderen Kind es sich gestern gezankt hatte. Der Mann wusste genau, was seine Kinder aufs Brot haben wollten, was ihr Lieblingsfach in der Schule war und mit wem sie sich gezankt hatten. Denn sie erzählten es jeden Tag. Aber er ließ sich nichts anmerken.

Auf der Arbeit erklärte ihm sein Chef, mit wem er heute Meetings haben würde, was die Zielvorgaben für das nächste Quartal waren, welches Auto er sich als nächstes kaufen würde und welche Probleme er mit seiner Frau hatte. Der Mann wusste es schon. Aber er ließ sich nichts anmerken. Und als die Kollegen in der Mittagspause erklärten, wo sie ihren nächsten Urlaub verbringen würden, warum es wichtig sei, zur Hautkrebsvorsorge zu gehen, welche Geldanlage sie für richtig erachteten und dass sie auf den ganzen Laden hier schon längst keine Lust mehr hatten, da hörte sich der Mann all das an und ließ sich nicht anmerken, dass er all das schon tausendmal gehört hatte.

Im Autoradio hörte er in den Nachrichten, dass sich die Parteien nach der Wahl auf keine Koalition einigen konnten, dass ein Minister einen anderen Minister zum Rücktritt aufforderte, dass die Preise gestiegen und die Arbeitslosenzahlen gesunken waren, dass die Leistungen gestrichen und die Steuern gesenkt wurden. Es wurde erzählt, dass das Wetter schlecht bleibe und dass die Deutschen dieses Jahr am liebsten in Deutschland Urlaub machten. Dass es Nachwuchs im Zoo gab und ein alternder Ex-Sportler wieder mit dem Sport begann. Der Mann wusste all dies schon.

Irgendwann kam der Tag, da ging er an einem Laden vorbei. Es war kurz vor der Fußball-WM, die in diesem Jahr in einem fremden und fernen Land sein sollte. All die Fanartikel, die in dem billigen Schnäppchenladen verkauft wurden, kannte er schon. Es gab Fahnen, Mützen, Wachsmalstifte und T-Shirts. Sie waren allesamt schwarz, rot und gelb. Aber plötzlich fiel sein Blick auf ein seltsames Gerät. Es war länglich, vorne offen und nach oben verjüngte es sich. Es erinnerte ihn an eine Schalmei, es war nur etwas kleiner. Zum ersten Mal nach etlichen Jahren stellte er einem Menschen eine Frage. „Was ist das und was macht man damit?“, wollte er vom Verkäufer wissen. Der zuckte mit den Schultern, verzog den Mund kurz zu einer Schnute und antwortete: „Da kannste rinnpusten und denn hupt det Ding janz laut. Machen die alle da unten in Afrika.“ Der Mann war fasziniert und neugierig. Er kaufte das Gerät.

Zu Hause angekommen probierte er es sofort aus. Er blies Luft in die Backen und pustete mit all seiner Kraft in das seltsame Instrument hinein. Schon beim ersten Ton war ihm, als müssten ihm die Ohren vom Kopf fallen. Das Hupen, das aus dieser wundersamen Schalmei heraus kam, klang wie eine Herde trompetender Mammuts. Es schwoll weiter an zu einem ohrenbetäubenden Ton, der einem überdimensionierten Bienenschwarm glich. Dem Mann gefiel das Geräusch, er mochte diesen ungewohnten Klang aus den Weiten der afrikanischen Steppen. Er musste es unbedingt seiner Familie vorführen.

Sobald seine Frau und seine Kinder sich versammelt hatten, wild durcheinander redend wie immer, blies er erneut mit aller Kraft in sein neues Instrument. Und dann geschah ein Wunder. Plötzlich verstummte die gesamte Familie. Erst rissen sie die Augen vor Schreck weit auf, dann drückten sie sich die Hände auf die Ohren. Der Mann trötete und trötete, er hatte es noch nie erlebt, dass alle Welt um ihn herum so stumm war. Erst als er wieder aufhörte, fand seine Frau ihre Worte wieder. „Mein Gott, was für eine Höllenmaschine, du bringst die sofort dahin zurück, wo du sie herbekommen hast, sonst..:“ Trööööööööööööööööööt! Schon war die Frau wieder stumm.

Das Instrument wurde sein bester Freund. Wann immer irgendwer dazu ansetzte, ihm irgendetwas zu sagen, was er zu sagen hatte, nahm der Mann die Tröte und ließ jedes Wort im Hupkonzert verschwinden. Und irgendwann hörten die Leute einfach auf zu reden, sobald er sich ihnen näherte. Sie hatten einfach zu viel Furcht davor, dass er wieder tröten würde. Von nun an musste er nie wieder zuhören.

Und eines Tages, da war es sogar in seinem Haus ganz still, weil die Frau und die Kinder plötzlich dazu übergegangen waren, nur noch zu reden, wenn es wirklich was zu sagen gab. Das war nicht so oft der Fall. Und so fand sich der Mann an diesem denkwürdigen Tag, an dem es im Haus so wunderbar ruhig war, mit einer Schere in der Hand vor dem Badspiegel wieder.

Und mit einer feierlichen Geste und in aller Seelenruhe schnitt er sich endlich seinen ganzen, langen Bart ab.

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