Bitte wenden! (Part Two)

Die sehr junge Autorin Andrea Hünniger hat in einer der letzten Ausgaben der FAS über ihre Erinnerungen an die Wende geschrieben und das hat mich sehr daran erinnert, wie ich es auch erlebt habe. Besonders dieser Satz ähnelt meinem Empfinden:

Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Zeit nach dem Fall der Mauer eine prägende Erfahrung der Trauer und des Schweigens war.

Die Autorin war damals fünf Jahre alt, schreibt sie. Also noch drei Jahre jünger als ich. Ich halte es für wenig glaubwürdig, dass sie sich wirklich noch an so viele Einzelheiten erinnern kann, aber das Grundgefühl, das wird sie verinnerlicht haben. Sie ist offenbar eine scharfe Beobachterin unserer Zeit und sie hat die Schlussfolgerungen, die sie im Laufe ihres Lebens gewonnen hat vielleicht einfach ein paar Jahre zurück datiert. Aber darum geht es gar nicht.

Es geht darum, dass sie meine bislang eher dumpfe Vermutung bestätigt, dass über die DDR und die Wendezeit eben noch nicht alles gesagt worden ist. Das vergangene Jahr hat uns zwar mit einer mediale Lawine aus Vergangenheitskitsch und einem Kessel bunter DDR-Geschichte überrollt. Aber es hat es auch wieder mal nicht geschafft, all die uneindeutigen Grautöne, all die schwierigen Befindlichkeiten und Schicksale, all das Unordentliche, was dieser Mauerfall in diesem Land hinterlassen hat, zu beschreiben. Dafür sind Medien mit ihrer Eigenschaft der Reduktion von Komplexität vielleicht auch etwas überfordert. Eine journalistische Geschichte sieht nunmal so aus: ein größerer, geschichtlicher Zusammenhang wird am Schicksal einzelner Protagonisten erzählt, die exemplarisch fürs Ganze stehen. Ihre Gefühle spiegeln die Gefühlslage des ganzen Landes.

Welche Gefühle aber zeigt man, wenn man über die Wende spricht und das, was danach kam? Der Zusammenbruch eines Systems, an das einige geglaubt haben und mit dem der überwiegende Teil sich arrangiert hatte. Die plötzliche Umdeutung der Geschichte. Der Eindruck, dass man selbst und seine Erfahrungen plötzlich nicht mehr interessant sind. Die Rechthaberei, die westdeutsche Deutungshoheit, das Gefühl, irgendetwas läuft hier falsch, aber nicht genau benennen zu können, was das eigentlich ist. Die Arbeitslosigkeit, die Abwanderung, der Verlust von Hoffnungen. Wie bringt man das in einen Zwei-Minuten-Fernsehbeitrag?

Und wenn man es irgendwie unterbringen und beschreiben könnte, dann stünden sofort wieder diejenigen auf dem Plan, die das als unzulässig verdammen. Die mit eifrig erhobenen Zeigefingern an die Opfer und Untaten dieses Staates erinnern und jede Diskussion darüber, ob man aus der Geschichte etwas lernen kann, im Keim ersticken. Auch Andrea Hünnigers Schilderungen provozierten erregte Leserbriefreaktionen, die ihr Verharmlosung vorwarfen. Dabei erzählte sie lediglich die Geschichte von ihren Empfindungen und der neuen, schweigenden Mauer, die heute sie und ihre Eltern, insbesondere den Vater, voneinander trennt. Verharmlost hat sie nichts. Nur versucht, zu verstehen.

Es ist da etwas kaputt gegangen mit dem Abriss der Mauer. Es ist etwas in der Generation unserer Eltern verloren gegangen und wir können es ignorieren und es als für immer unter Verlust verbuchen. Ich glaube aber, dass uns das nicht guttun wird. Denn offene Fragen verfolgen einen nicht nur bis zur nächsten Familienfeier. Sie verfolgen einen das ganze Leben.

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