Gewissensfrage

Während ich in einer Bar am Weinbergsweg im schicken Mittekiez am Riesling nippte um anschließend damit fortzufahren, Klassenkampfparolen von mir zu geben, stand da plötzlich dieser Mann, der sich als Obdachlosenzeitungsverkäufer ausgab und versuchte, das einzige zerknautschte und etwas dreckig aussehende Exemplar des Straßenfegers, der Motz oder was auch immer loszuwerden. Unterbrochen in unserer lebhaften Diskussion winkten meine drei Kolleginnen und ich nur kurz ab. Ich setzte an, weiterzupoltern, hielt aber plötzlich inne.

Ich schaute die anderen an und sah, dass auch sie sofort gemerkt hatten, was hier passiert war. Eiskalt hatte ich den Bedürftigen an meinem Tisch abblitzen lassen, obwohl ich nur eine Sekunde zuvor darüber gezetert hatte, wie „scheißegal“ den Chefs von Opel, GM, Quelle oder Karstadt das Schicksal ihrer Mitarbeiter sei. Scheißegal war mir offensichtlich in diesem Moment das Schicksal des Zeitungsverkäufers. Das beschämte mich. Nicht weil ich glaube, dass ich die Pflicht habe, jedem, der darum bittet, mein Geld zu geben. Eher weil mir der eklatante Widerspruch zwischen meinen Worten und Taten in diesem Moment so schonungslos vorgeführt wurde. Wenn ich schon niemandem mein Geld geben will oder es aus Desinteresse gerade unterlasse, sollte ich nicht von anderen fordern, dass sie es tun, oder? Grübel…

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