Mit Max Maulwurf und Susi Schwelle nach Hamburg

Wer gerade keine Freunde hat, sollte sich in den Zug von Berlin nach Hamburg setzen. Hier findet er welche. Die Deutsche Bahn hat unerklärlicher Weise zur Charmeoffensive auf der von Baustellen stark in die Länge gezogenen Strecke aufgerufen. Was das ganze mit Mehdorns Abgang zu tun hat, darüber möchte ich nicht spekulieren, ich möchte einfach nur empfehlen, sich diese ICE-Wellnessoase bei Gelegenheit mal zu Gemüte zu führen.

Wir fuhren übers Maiwochenende nach Hamburg, um mit ein paar Freunden zu grillen. Kaum hatte ich mich in die gemütlichen steingrauen Sitze gekuschelt, die Ansage des schlecht gelaunten und stark berlinernden Zugchefs nebst „Senk-ju-for-traveling“-Zusatz erwartend, fragte neben mir eine sympathische Stimme, ob man den leeren Kaffeebecher von meinem Tisch entfernen könne. Ich hatte nichts dagegen, war aber spontan irritiert über soviel Freundlichkeit. Die Ansage kam dann auch spontan gleich hinter Spandau, aber im Gegensatz zum schlecht gelaunten und stark berlinernden Zugchef nebst „Senk-ju-for-traveling“-Zusatz begrüßte uns ein zu Scherzen aufgelegter, freundlicher Schaffner mit hanseatischem Dialekt. Das Schockierende aber kam zuletzt: Er konnte Englisch!

Ich begann, meine Wahrnehmung in Zweifel zu ziehen. Aber die Rundumversorgung ging ohne Pause weiter. Zuerst gab es eine kleine Broschüre mit niedlichen Comics, Sudoku und eisenbahnerischem Kreuzworträtsel, mit der ich mir die Zeit vertreiben konnte, indem ich alles über Max Maulwurf und Susi Betonschwelle erfuhr, die mir die aktuellen Baustellenpläne erläuterten.

Auf einem Rollwagen kamen anschließend Wasser, Orangensaft und Käse-Schinken-Stangen angefahren. Dahinter standen zwei junge gut aussehende Männer, die uns im Wechsel Getränke oder Essen anboten – für lau, versteht sich. Das ganze sei eine Aufwandsentschädigung für die lange Fahrtzeit von zweieinviertel Stunden anstatt anderthalb Stunden. Der normalerweise stark beanspruchte Bahnreisende kann in einer solchen Situation gar nicht anders als zugreifen, selbst wenn er weder Hunger noch Durst verspürt. Er muss das festhalten, wenigstens einige Minuten lang, um sich bewusst zu machen, dass das hier die Realität ist. Das tat ich auch und musste feststellen, dass mich die Bahn diesmal an meine Grenzen bringen würde. Besser gesagt, meinen Magen, denn keine 30 Minuten später wurden uns auch noch mit Marzipan gefüllte Pralinen gereicht.

Während ich das alles gierig verschlang und seelig kauend der gelben Rapslandschaft, den Schafen und Windrädern der norddeutschen Provinz zusah, wie sie an uns vorbeizog, fragte ich mich, ob es wohl auch noch eine Massage geben würde. Dafür war die Fahrt aber anscheinend nicht lang genug, denn die schnuckelige Reise nahm ihr jähes Ende viel zu früh. Der Kapitän machte noch eine launige Durchsage über die Lautsprecher („ja der Hafen ist zu sehen, der Michel ist zu sehen, der Fernsehturm ist zu sehen…ganz klar wir sind in Hamburg“) und die beiden netten Catering-Jungs sammelten den Müll ein, den wir bei unserem Gelage hinterlassen hatten.

Ich hatte kaum noch Zeit mich bei Max Maulwurf und Susi Betonschwelle zu verabschieden und noch mal „Senk ju“ zu sagen. Aber vielleicht kann ich diese tolle Reise noch mal erleben, irgendwann in näherer Zukunft. Wenn es die Baustelle noch gibt. Und wenn ich genug Geld gespart habe. Denn die Fahrkarten sind genauso teuer wie zu guten alten Anderthalb-Stunden-Zeiten.

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