Adieu, Welt

Die Welt, das kann ja nun wirklich niemand mehr leugnen, geht unter. Das Zentralorgan des Weltuntergangs, der Spiegel, widmet sich auch in der aktuellen Ausgabe wieder einigen der spannendsten Szenarien des Planetenendes. Das Schöne ist: niemand kann den Verfall mehr stoppen. Kein Wirtschaftsweiser, kein Politiker, kein Journalist. Der Kapitalismus frisst seine Kinder, also uns, und wir schauen ungläubig zu und twittern dabei leise.

Als ich ein Kind war, hatte ich immer eine eigentümliche Vorstellung von Weltuntergang. Ich empfand ihn als das Gerechteste und Demokratischste, das der Menschheit passieren kann. Nie dachte ich dabei an atomare Verseuchung, Umweltzerstörung, Elend, Kannibalismus und qualvolles Sterben, also all die Dinge, die vermutlich einem Weltenende vorangehen. Ich dachte immer an den ruhigen und friedlichen Moment, an dem alles vorbei ist und niemand mehr Hunger leidet oder gefoltert wird. An dem kein Regenwaldbaum mehr gefällt und kein Robbenbaby mehr erschlagen wird. Ich dachte daran, dass, wenn alle tot sind, niemand zurückbleibt, der trauern muss. Ich fand, das sei eine gute Aussicht.

Heute bin ich erwachsen und schlauer und weiß: je länger der Weltuntergang andauert, desto besser. Denn umso mehr lässt sich an ihm verdienen. Ein schwunghafter Handel mit Weltuntergangsaccessoires, Weissagungen und Ratgeberbüchern lässt sich bei so einem gepfefferten Abgang der Menschheit ins Leben rufen. Ich könnte Wurzelbürsten und Badezusatz verkaufen, Opferlämmer vor Tempeln anbieten, in die Sterne schauen und dabei unverständliches Zeug murmeln. Ich könnte behaupten, die mathematische Zauberformel für den Dax-Verlauf gefunden zu haben, dabei das Auf und Ab des Kurses aber jeden Morgen danach bestimmen, ob ich mit dem rechten oder dem linken Bein aufgestanden bin.

Ich könnte Zertifikate verkaufen, auf denen steht, dass beim Kauf eines Zertifikats das Weltende um eine Minute hinausgezögert wird. Wer diese Zertifikate erwirbt kann sie weiterverkaufen  und dabei mit dazu beitragen, dass wir alle noch ein bisschen länger durchhalten. Ich könnte Busreisen an den Ölberg, nach Lourdes oder nach Bugarach organisieren, dort in einem Bauchladen, ausgestattet mit allen nötigen Devotionalien, die Besucher willkommen heißen.

Und zum Schluss, wenn es wirklich richtig zu Ende geht mit der Welt, organisiere ich das Catering, die Sonnenbrillen, die Liegestühle, die Musik und die Drogen, die dazu nötig sind, so vielen Menschen wie möglich das Beiwohnen des Untergangs äußerst angenehm zu gestalten. Ein Festival, eine ganze Industrie werde ich um das Ende herumbauen, das wird wunderbar und ich werde die reichste Frau der Welt sein. Reicher als alle reichen Männer, die uns den ganzen Quark eingebrockt haben. Und ich werde die letzte Überlebende sein, weil die Reichen sich das Überleben leisten können. Und dann werde ich dort stehen, mitten in der Sintflut, den letzten Eisbären von seiner Scholle schubsen und die letzten reichen Männer gleich hinterher. Und langsam wird sie sinken, die Scholle und aus meinem MP3-Player wird ein Paul-Kalkbrenner-Remix von „My heart will go on“ dröhnen.

Und endlich, wenn auch ich dann gepflegt untergegangen bin, wird Ruhe sein. Es wird dieser ruhige und friedliche Moment sein, an dem alles vorbei ist und niemand mehr Hunger leidet oder gefoltert wird. An dem kein Regenwaldbaum mehr gefällt und kein Robbenbaby mehr erschlagen wird. An dem niemand zurückbleibt, der trauern muss.

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One Response to Adieu, Welt

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