Magersonntag

Es ist gemein, wenn das ganze Wochenende über Essensgerüche irgendwo aus den Wohnungen meiner Nachbarn kriechen. Ich bekomme sofort nach dem Aufwachen Hunger, weil es überall im Haus schmort, kocht, brät oder bäckt. Mein Magen, in Kollaboration mit meinem Hirn, spinnt sich ein fünfgängiges Gelage aus diversen Braten, Soßen, Gemüsen, Klößen, Suppen, Salaten und feinsten Desserts (Crème Brulée? Mousse au Chocolat?) zusammen und steigern das Verlangen nach Nahrungsaufnahme bis ins Unerträgliche. Warum laden sie mich eigentlich nicht zum Essen ein? Ich meine, wollen sie das alles im Ernst allein vertilgen? Soll ich hier verdammt nochmal verhungern? Einsam? In meinen 40 Quadratmetern? Ich habe keine Ahnung, wie sie das mit ihrem Gewissen vereinbaren können, die Nachbarn. Aber sie können. Nie klingelt einer bei mir und sagt: Bitte, iss doch mit uns, wir würden uns freuen und es ist genug für uns alle da. Ich meine, ich würde sie ja vielleicht auch irgendwann mal zu mir einladen. Auf eine Flasche Wein vielleicht oder auch einen Martini. Für sie zu kochen traue ich mir nicht zu, denn so wie es aus deren Wohnungen immer riecht, sind da überall verkappte Sarah Wieners unterwegs und diesem Wettbewerb fühle ich mich nicht gewachsen, hergottnochmal. ICH HABE HUNGER!!!

Aber so ist es, dieses Berlin. Kalt, egozentrisch, geizig. Niemand gibt Dir was, alles musst Du Dir selbst holen, ständig musst Du rumlaufen, BVG fahren, einkaufen, Flaschen tragen, Dinge in den dritten Stock schleppen, wieder runter, zweite Ladung holen, wieder hoch. Ein einziges Herumgerenne, eine Hatz, eine ständige Jagd. Nicht nur nach Essen. Auch nach Unterhaltung, nach Aufmerksamkeit, nach Arbeit, nach Liebe. Deshalb sehen viele Berliner auch so  ausgelaugt und müde aus, ganz anders als ich mir etwa die Münchner vorstelle, die vermutlich alle rund, rosig  und in satter Zufriedenheit im Wirtshaus oder ihrem Wohnzimmer auf das Ende aller Tage warten. Tiefenentspannt. Da ist auch immer Essen da, woher es kommt, weiß keiner, aber irgendwo ist immer eine Schweinshaxe oder ein Brathändl zu einem unterwegs. Und dann wird gesungen und auf den Tischen getanzt und man ist fröhlich und trinkt und küsst und umarmt einander die ganze Zeit. Herrlich muss es dort sein.

5 Kommentare

Filed under Ichgespräche

5 Responses to Magersonntag

  1. Axel

    Ich könnte ja mal etwas für dich kochen, wen du magst.

  2. provinzkind

    Haha, vielen Dank für das Angebot! Habs aber jetzt auch geschafft :)

  3. Du sagst es. Warte ab bis du dir male iene Waschmaschine besorgen musst oder einen Esstisch von Ikea!! Mir tut der Rücken heute noch weh! Böses Berlin!

  4. provinzkind

    Oh Gott, mach mir keine Angst! Mir tut der Rücken noch von der letzten Waschmaschine weh. Vielleicht sollte man die auch nicht allein hoch tragen!

  5. Thanks for the sensible critique. Me & my neighbor were just preparing to do a little research on this. We got a grab a book from our local library but I think I learned more clear from this post. I am very glad to see such fantastic information being shared freely out there.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>