Kistenweise

Zu einem meiner perversesten Gelüste zählt es, Dinge bewusst zu tun, von denen ich genau weiß, dass ich sie kurze Zeit später bereuen werde. Man nennt das, glaube ich, auch Masochismus. Sich selbst quälen mit vollem Genuss. Wie zum Beispiel, wenn man am ersten Samstag im neuen Jahr zu Ikea fährt.

Ich gebe zu, theoretisch hatte ich schon darüber nachgedacht, dass es etwas geschäftig zugehen würde. Immerhin ist es auch ein ganz neues Ikea, beinahe noch unbenutzt, erst im Dezember eröffnet. Das Ikea in Lichtenberg, Berlins viertes, heißt es in der Werbung. Und das klingt so, als habe Lichtenberg seit dem Fall der Mauer nur darauf gewartet, dass das blau-gelbe Schild wie ein Gipfelkreuz in die endlos erscheinende Plattenbauananlage gerammt wird. Ich war mir also bewusst, dass noch andere Leute an diesem Tag auf die Idee kommen könnten, ihre Wohnung aufzuhübschen, weil sie gemerkt hatten, dass die eigenen vier Wände nach Beseitigung des Weihnachtsbaumes irgendwie trostlos und unvollständig wirken. Da muss dringend noch ein Expedit rein, haben sich viele wohl gedacht und sich die Hände gerieben, während sie ihren Tatendrang auf ein nicht näher von der Werbung erläutertes Ereignis namens “Knut” schoben.

Dass es aber halb Berlin war, das so dachte, hatte ich natürlich nicht erwartet. Dass sich eine Autolawine schon in Friedrichshain zu einer bedrohlichen Front zusammenrottete um in den Krieg gegen ein schwedisches Möbelhaus zu ziehen, hätte mir zu denken geben  und mich dazu bringen sollen, umzukehren, bevor es zu spät war. Aber wenn man auf einer Mission ist, gibt man nunmal nicht auf und so tat ich es auch nicht. Rein in die Schlange. Das Gute an Ikea ist, dass es aus Schweden kommt. Und bekannterweise ist die Welt in Schweden eine bessere, eine menschenfreundlichere und somit auch eine besser organisierte. Menschen, extra dazu angestellt, um die Automassen zu dirigieren, standen auf dem Parkplatz herum und wiesen jedem seinen Platz zu. Es lebe die Vollbeschäftigung.

Den Rest kann sich jeder denken, ich will niemanden mit Einzelheiten langweilen, nur soviel: warum wussten eigentlich alle, außer mir, dass der Winter vorbei ist und das Tragen einer gefütterten Jacke in einer überfüllten Möbelhalle, einen Wagen voll ungelenker Pappkartons vor sich herschiebend, keine empfehlenswerter Zustand ist? Kurze Zeit nagte ein böser Zweifel an mir, ob mich nicht eventuell tatsächlich der Verstand verlassen hatte. Vermutlich ist es sogar so, aber wem will ich hier was vormachen? Ich wollte leiden und ich habe es geschafft.

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Filed under Rein in die Stadt

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