Zeit der Besinnlichkeit

In diesem Jahr durfte es von allem etwas mehr sein: mehr Wahnsinn, mehr Konsum, mehr Stress. Das Wort “Terrorwarnung” hat angesichts vollgestopfter Kaufhäuser, hektisch umherrennender Menschen und massenpanikartiger Zustände in den Innenstädten für viele eine ganz neue Bedeutung angenommen. Ich habe mich am Dienstag in die Friedrichstraße gewagt, weil ich einen Handfeger kaufen wollte, um mein Auto vom Schnee zu befreien. Aber erst als ich einen ganzen Besen gekauft hatte, fühlte ich mich einigermaßen angemessen bewaffnet für die Zustände auf der Straße. Aber es ist auch nicht verwunderlich, dass alle ihre letzten Euros noch schnell loswerden wollen, bevor die Währung im nächsten Jahr den Bach runtergeht. Im Portemonnaie ist wieder Platz für die D-Mark.

Dabei wollten es so viele diesmal ganz ruhig angehen und haben sich schon eine Woche vor Weihnachten auf den Weg nach Hause gemacht. Aber alle, die diese Idee hatten fanden sich am Ende auf einem Feldbett am Frankfurter Flughafen, eingeklemmt zwischen zwei quer liegenden Lkw auf der Autobahn oder im einwöchigen Abenteuerurlaub im Zug wieder. Agenturen, Nachrichtenseiten und Fernsehsender waren ratlos, weil sich das Wort “Chaos” auch nicht unbegrenzt steigern lässt und die deutsche Mediensprache für derartige Wetterverhältnisse nicht gemacht ist.

Das Schöne an Weihnachten ist ja: irgendwann ist es auch wieder vorbei. Aber bevor es soweit ist, sollte es noch ein bisschen gemütlich werden, sonst hat sich der ganze Stress ja gar nicht gelohnt. Deshalb hier ein paar Vorschläge für Besinnlichkeitsübungen zwischen den Mahlzeiten.

1. Die Hauptzufahrtsstraße zum Ort sperren und Einfuhrzoll auf Geschenke erheben.
2. Im Osterhasenkostüm durch die Straßen laufen und Verwirrung stiften.
3. Dem Nachbarn beim Schneeschieben zuschauen und Ratschläge geben.
4. Eine Debatte über Thilo Sarrazin in der Dorfkneipe anzetteln.
5. Nachts um zwei Trompete spielen und der Polizei erklären, man sei der neue Till Brönner.
6. Alle Fernbedienungen verstecken.
7. Beim Weihnachtsessen fragen: “Gibts auch noch Ketchup?”
8. Allen Kindern erzählen, der Weihnachtsmann sei eine Erfindung von Coca Cola.
9. Oma fragen, ob der Winterräumdienst ’45 eigentlich auch so nachlässig war.
10. Mit der Familie einen Jahresrückblick schauen und die ganze Zeit laut schluchzen.

Frohe Weihnachten wünscht das Provinzkind!

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Filed under Ichgespräche, Raus aus der Stadt

One Response to Zeit der Besinnlichkeit

  1. Atelier Palluch Cologne NRW, Germany
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