Trashlove I

Aus Liebe zum Buffet

Aus Liebe zum Buffet

Ein Klassentreffen ist letzten Endes ja nichts weiter als der Sieg der Neugier über die Vernunft. Machen wir uns nichts vor: niemand hat ernsthaft Spaß daran, die oft lange und beschwerliche Reise in die Heimatprovinz anzutreten, um den ganzen Abend mit Menschen zu verbringen, mit denen man sich schon vor Jahren nichts zu sagen hatte. Sagt jedenfalls jeder, den Du fragst.

Und dann sitzt Du plötzlich im Auto und fährst dorthin und weißt noch nicht genau, was um alles in der Welt Dich dazu gebracht hat, Deinen liebevoll mit Kindergeschrei und Kaffeduft gepflasterten Bilderbuchkiez und ein aufregendes Wochenendprogramm hinter Dir zu lassen, um in eine Gegend zu fahren, in der vielleicht der Wald rauscht, ganz sicher aber nicht das Leben.

Aber es macht Dir nichts aus, Du fragst nicht nach dem Sinn oder dem Grund, oder wie auch immer man das nennt, das sich Menschen so ausdenken, um sich das Leben möglichst frühzeitig so kompliziert wie möglich zu machen. Eine Allee in der Uckermark, großzügig mit gelben Blättern behängt, weist Dir den Weg in Deine Vergangenheit und plötzlich ist Lethargie das Großartigste, was Dir passieren kann. Du fühlst Demut und Dein dahinfahrendes Auto ist nur ein willenloser Scherenschnitt im Universum – du bist ein Zen-Meister auf dem Weg in die Unendlichkeit.

Und dann, als Du all die Menschen wiedersiehst, die genauso wie Du, seit zehn Jahren gehen oder sogar laufen, vorankommen, zurückfallen, aufstehen und wieder hinfallen, da merkst Du, dass sich nichts verändert hat, außer die Umstände. Nicht jeden erkennst Du wieder, aber die, die wichtig sind, findest Du und wie automatisch verteilen sich die alten Freundschaften wie früher auf die zwei langen, mit weißen Tischdecken gedeckten Tafeln. Natürlich wird sofort getrunken, ach was, gesoffen, die Zeit ist knapp und jünger wird man auch nicht. Aufgeregtes Gerede, Gerüchte, Geläster, Zigaretten, Zigaretten, Zigaretten (obwohl auch in Polen nicht mehr so billig). Wir sind wieder 17 und es ist schöner als je zuvor, denn heute wissen wir, dass alles nicht so schlimm ist, wie wir damals dachten. Wir sind gelassen und weltgewandt und unsere Provinzialität haben wir abgestreift, wie eine alte Haut. Wir verdienen Geld und fahren Autos, haben Kinder und Ringe am Finger. Und hierher kommen wir nur, wenn uns danach ist.

Und dann passiert das: Während Du Dich noch amüsierst über diesen muffigen, unbeheizten Saal in dieser grauen Pension am Weltende, mit den unverwechselbaren Neunzigerjahre-Stuhlpolstermustern und dem Plastikblumenschmuck über der Tanzfläche, den zwei Frauen hinter dem Tresen, deren Blick abwechselnd stur und lustlos ist, der feiernden, wurzelpeterergebenen Familie mit Rentnerüberschuss im Nachbarraum und dem Ostseewelle-Hitradiomix aus der silbergrauen Kompaktanlage, wird das Buffet eröffnet.

Und angesichts der Käsespießchen, Bouletten, Würstchen, dem Kartoffelsalat und der Fleischvariation mit Käse überbacken, der Soljanka, dem Auflauf aus Kartoffeln, den Bratkartoffeln, dem Schinken, den Kroketten, dem Krautsalat…angesichts dieses ganzen Kartoffel-Fleisch-Wurst-Käse-Exzesses stockt Dir der Atem und Du stehst kurz wie gelähmt da, während die ersten sich schon darauf stürzen wie auf ein erlegtes Mammut. Die Szene erzeugt eine Wehmut in Dir, wie es nur der Anblick von genusslos essenden Menschen vermag. Du fühlst Dich plötzlich ertappt in Deiner Sehnsucht nach dieser Form von schlechtem Geschmack und Deiner Rührung für Dinge, die keiner mehr mag. Und Du merkst, dass das hier, Dich immer verfolgt. Egal in welchem Edelkiez Du heute auch wohnst, wie viele Künstler Du morgen auch triffst. Egal, wie groß die Orte und Namen, die Schönheit, Idylle und Bilderbuchszenen. Das echte zu Hause wohnt im Kartoffelsalat.

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Filed under Raus aus der Stadt

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